travel-blog from: Andreas

5000 km durchs Outback

Text folgt...

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-1

Über den Chadar: Chadar ist Hindi. Die beste Übersetzung dafür lautet „Bettlaken“, was dem tatsächlichen Erscheinungsbild des Flusses relativ nahe kommt. Bei dem Fluss handelt es sich um den Zanskar, welcher im Zanskar Gebirge seinen Ursprung hat und letztendlich in den Indus mündet. Menschen, die in Zanskar leben (Fluss, Gebirgskette und Gebiet sind gleichnamig) sind im Winter beinahe völlig von der Außenwelt abgeschnitten, da sämtliche Pässe unpassierbar sind. Es gibt nur eine Verbindung mit dem Ort Leh und somit mit dem Rest der Welt. Diese Verbindung läuft über den teilweise zugefrorenen Fluss Zanskar. Der reißende Fluss befindet sich in einem tiefen Tal und wird von den Strahlen der Sonne größtenteils verschont. Diesem Umstand und den dadurch resultierenden sehr tiefen Temperaturen von bis zu minus 30 Grad, ist die Entstehung der Eisschicht zu verdanken. Die Oberfläche des Flusses ändert sich von Stunde zu Stunde. Stellenweise ist das Eis meterdick und ein paar Schritte weiter befindet man sich auf einer hauchdünnen Eisschicht, die bei jedem Schritt bedrohlich knirscht und teilweise auch bricht. Mancherorts ist die Oberfläche glasklar und spiegelglatt, sodass man den Grund des Flusses erkennen kann, manchmal ist das Eis von einer gefrorenen Schneeschicht bedeckt, die eine Beurteilung der darunter liegenden Eisschicht nahezu unmöglich macht. Eine weitere und recht seltsame Erscheinungsform des Eises sind die Eiskristallfelder. Diese sind scharf wie Rasiermesser und spitz wie Nadeln. Knietief muss zeitweise durch jene hindurch gewatet werden, was selbst die besten Trekkinghosen nicht unbeschadet überstehen . Und wehe dem, der stürzt und keine Handschuhe trägt... Fehlt die Eisschicht komplett muss an vereisten Felswänden entlang geklettert werden. Das Wasser erblickt nie lange das Tageslicht bevor es wieder unter einer Eisschicht verschwindet. Der Unglückliche tut es ihm gleich. Des Öfteren soll dies passiert sein, was auch diverse Überreste bezeugten, die am Flussufer gefunden wurden. Der Auftakt: Ich befand mich in der Stadt Leh die im indischen Bundesstaat Jammu und Kashmir liegt. Leh ist Verwaltungssitz und Hauptort der Region Ladakh. Sie gehört zu den höchstgelegenen ständig bewohnten Städten der Erde. Seit einigen Tagen versuchte ich vergebens einen Guide für den Chadar (Bezeichnung des zugefrorenen Flusses ZANKAR) aufzutreiben. Eigentlich hatte ich mir die ganze Sache einfacher vorgestellt, doch leider musste ich feststellen, dass sich nur 'Zanskari-Guide bzw. Zanskari-Porter' auf den Chadar wagen. Was ich auch unternahm, ich konnte keinen Guide finden. Der Verzweiflung nahe, saß ich im Zimmer, als plötzlich jemand an die Tür klopfte. Vor der Tür stand eine bärtige Gestalt, die mich fragte, ob ich derjenige sei, welcher den Chadar begehen möchte. Es war Jogandir S..... (Sikh – die Turbanträger). Ein Fotograf aus Delhi, der gerade an einem Ladakh Fotobuch arbeitete und für dessen Vollendung es noch Bilder vom Chadar bedurfte. Sofort war ich guter Dinge, als mir Jogandir den Vorschlag machte, gegen Bezahlung der halben Kosten, an der Expedition teilzunehmen. Fatal ernüchtert wurde ich aber bei der ersten Trekkingbesprechung, als der Anführer der Guides meinte, dass pro weiterem Expeditionsteilnehmer 4 weitere Porter (Träger) nötig wären. Da es zu diesem Zeitpunkt ohnehin unmöglich war auch nur einen weiteren Zanskari Porter aufzutreiben, schien die Sache für mich gestorben. Ziemlich enttäuscht wanderte ich die darauffolgenden Stunden durch Leh und wollte gerade in einem Internet Kaffee den Rückflug nach Delhi buchen, als mir Jogi der Fotograf abermals über den Weg lief. Er hatte mich bereits gesucht, um mir seine frohe Botschaf mitzuteilen. Wenn ich mein Essen selbst schleppe und die 1/2 Kosten trage, so kann ich mich der Expedition anschließen. Dem Guideanführer war das natürlich ein Dorn im Auge, doch im Endeffekt entscheidet immer der, der zahlt. Sogleich besorgte ich Nahrungsmittel, Campingkocher und diverse Kleinigkeiten, denn am darauffolgenden Tag sollte es losgehen. Tag 1: Ausgestattet mit Vertrauen in mich selbst und dem Glauben die Fähigkeiten zu haben, den gefroren Fluss bezwingen zu können, bereitete ich mich auf den Aufbruch vor. Jogi hatte ein Taxi organisiert, welches uns möglichst nahe an den Chadar brachte. Dort traf ich zum ersten Mal die anderen Crewmitglieder. Die Expedition bestand aus dem Führer (Guide) 4 Trägern (Porter), dem Fotografen und mir. Auf halbem Weg zum Chadar hielten wir bei einem Sikh Tempel, um bei den höheren Mächten Beistand für diese Expedition zu erbitten. Zur Geschichte des Tempels: Die Menschen dieses Tales wurden vor einigen hundert Jahren von einem Dämon tyrannisiert. Bevor der tibetische Buddhismus gegründet wurde, herrschte hier die Bön Religion vor, die sich ausgiebigst mit schwarzer Magie beschäftigt. Ja, es klingt zwar sehr nach Star Wars, doch es wurden sogar ganze Kriege mit schwarzer Magie ausgefochten, weswegen ich es auch nicht für unwahrscheinlich halte, dass von damals noch die ein oder andere üble Sache übrig geblieben ist. Man wollte den Dämon recht bald wieder loswerden und kontaktierte den ersten Sikh Guru namens Nanak. Der völlig erleuchtete Heilige hatte ein ganzes Sortiment an übernatürlichen Fähigkeiten auf Lager. Daraufhin meditierte Guru Nanak in diesem Tal, was dem Dämon überhaupt nicht angenehm war. Der Dämon lies einen riesigen Felsbrocken auf Guru Nanak herabstürzen. Dieser konnte Nanak jedoch nichts anhaben. Dort wo Fels mit Guru Nanak kollidierte, ist im Gestein der Abdruck eines menschlichen Körpers in Meditationsposition zu sehen, worauf der Dämon verschwand. Nach dem Besuch des heiligen Felsen gingen wir weiter durch das garantiert dämonenfreie Tal Richtung Chadar, den wir auch bald erreichten. Nun standen wir auf dem Eis und es konnte losgehen. Der Guide hatte nur einen sehr kleinen Rucksack, da der Großteil der Last von den Portern getragen bzw. gezogen wurde. Die Porter hatten ihre Last auf einer Art tragbaren Schlitten festgeschnallt, welcher hier große Vorteile bot, da das Gewicht nicht auf einen Punkt konzentriert wird, wie es bei mir als Rucksackträger der Fall war. Befindet man sich auf Eis, wird der Schlitten gezogen, muss geklettert werden, so wird der Schlitten geschultert. Ich hatte keinen Schlitten und musste alles am Rücken tragen. Die erste Etappe hatte es in sich. Da der Fluss vielerorts nicht zugefroren war, musste viel geklettert werden. Der Wasserstand ist im Winter weit niedriger als im Sommer, daher sind am Flussufer immer wieder Sandbänke zu finden. Auf einer dieser Sandbänke schlugen wir unser Zeltlager auf. Es war relativ zeitig und ich hatte noch reichlich Energiereserven übrig. Ich kletterte etwa 500 Meter einen Hügel empor, um die absolute Stille des Himalaja zu genießen. Die ruhige, ausgeglichene Landschaft ließ mich den Atem anhalten. Die Berge sind einzigartig. Nur ein paar hundert Meter vom Trek entfernt befindet man sich in einer irrealen Welt. Die unberührte Natur und die Vielzahl an unerforschten Seitentälern dieser Berge gehören wohl zu den letzten Orten unserer Erde, die ein einzigartiges Gefühl von Freiheit aufkeimen lassen. Als ich wieder im Lager war, stieg mir der Geruch von Kerosin, Gewürzen und angebranntem Reis in die Nase. Es wurde gekocht. Ein wenig abseits packte auch ich meinen Campingkocher aus und tat es meinen Trekkingfreunden gleich. Ich schlürfte gerade ein Süppchen mit Sojawürfel und Cashewnüsse, als Jogi auftauchte und mich zum Essen einlud. Ich denke, bei den Sikhs ist das Teilen des Essens mit allen Menschen ein integraler Bestandteil ihrer Religion. Jogi hatte veranlasst, dass ab nun auch für mich mitgekocht wurde, egal ob dadurch das Essen ausgehen sollte, was dem Guide natürlich nicht passte. Allen Anderen war es relativ egal. Ich hatte keine Befürchtungen, dass das Essen knapp werden würde. Ich kannte die Besorgungsliste für Nahrungsmittel, welche der Guide erstellt hatte und ich bin mir sicher, dass das Essen für circa 3 Wochen gereicht hätte. Der Guide spekulierte einfach damit, dass er nach dem Trek die übrigen Nahrungsmittel als Geschenk erhalten würde. Ich muss ehrlich gestehen, mir wäre es lieber gewesen, ich hätte weiterhin für mich gekocht, dann wäre auch mein Rucksack von Tag zu Tag leichter geworden. Ich schlug jedoch die Einladung nicht aus und genoss von nun an das herrlich nach Kerosin schmeckende Essen.

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-2

Tag 2: Jogi und ich hatten im Zelt geschlafen während die Crew im Freien übernachtete. Die Innenwände des Zeltes waren mit einer Eisschicht überzogen. Es war für mich unglaublich, dass man bei diesen Temperaturen im Freien überleben kann. Später fand ich heraus, dass die Crewmitglieder allesamt Spezialschlafsäcke der indischen Armee, mit dem Etikett „Made in Austria“ hatten. Ich erfuhr vom gut florierenden Schwarzmarkt in Leh, wo man geklaute Dinge der indischen Armee und Schlafsäcke 'Made in Austria' erstehen kann. Wir wanderten mehrere Stunden auf dem gefroren Fluss in einer Höhe zwischen 3700m und 4300m als wir zum ersten Eiskristallfeld kamen. Vorsichtig bahnten wir uns einen Weg durch das klirrende Kristall. Ich war dermaßen von der Schönheit des Eises überwältigt, dass ich unbedingt filmen wollte. Ich zog den rechten Handschuh aus, um die Kamera besser bedienen zu können. Dabei war ich so stark abgelenkt das ich nicht auf die Gefahren achtete. Das Eis knirschte und ich brach ein. Bis zur Hüfte steckte ich im eiskalten Wasser. Einer der Portas eilte mir zur Hilfe, ich hatte mich jedoch schon aus eigener Kraft aus dem Wasser gezogen und zerschnitt mir dabei die rechte Hand. Meine Ausrüstung was zwar wasserabweisend, aber für unter Wasser doch nicht geeignet. Mein rechter Stiefel war komplett durchnässt, was sich in späterer Folge als Entzündung der Achillessehne rächen sollte. Mir kam es vor, als würde es mit jedem Kilometer kälter, den wir uns von Leh entfernten. Ein großes Problem stellte das Trinkwasser dar. Ich hatte mir Flaschen aus Aluminium gekauft, die leider für derartige Minustemperaturen total ungeeignet waren. Wenn ich abgekochtes Wasser in meine Flaschen füllte, blieb es etwa 10 Minuten warm und nach weiteren 10 Minuten war es gefroren. Generell stellten die tiefen Temperaturen eine große Herausforderung, sowohl für Menschen als auch für die Ausrüstung dar. Plastik zerbröselte, metallische Gegenstände brachen leicht, elektronische Gegenstände funktionierten teilweise nicht, kalte Batterien gaben keinen Saft und ganz abgesehen von den gefühllosen Fingern und den herrlich rotblauen Nägel, die entsetzlich schmerzten, sobald sie am Lagerfeuer langsam wieder auftauten. Am Abend erreichten wir eine Felswand in der es 3 Höhlen gab. Höhle Nr.1 wurde als Toilette benutzt, Höhle Nr.2 bezogen Jogi und ich und Höhle Nr.3 wurde vom Guide und den Portas besetzt. Höhle Nr.3 war die beste und ebenste Höhle und ich überlegte kurz, ob ich dort schlafen sollte, doch die Truppe würde sich sicher lange beim Lagerfeuer unterhalten und bis spät in die Nacht singen. Ich aber brauchte nach dem anstrengenden Tag Schlaf. Ich hockte mich ans Lagerfeuer und versuchte meine Schuhe bzw. meine Socken trocken zu bekommen, was mir nur mittelmäßig gelang, dafür aber wurde ich prächtig geselcht.

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-3

Tag 3: An diesem Tag starteten wir relativ spät, was beinahe fatale Folgen gehabt hätte. Vormittags ist die Eisdecke des Chadar meist stark. An manchen Stellen jedoch, wo die starke Sonne das Flussbett erreichte, wurde die Eisschicht bis zum Nachmittag gefährlich dünn. In genau so eine brenzlige Situation gerieten wir. Die Sonne ließ die Dicke des Eises auf einer Strecke von etwa hundert Meter auf nur wenige Zentimeter zusammenschmelzen. Es krachte bei jedem Schritt bedrohlich. Die Dunkelheit unter dem Eis ließ darauf schließen, dass der Fluss an dieser Stelle sehr tief war. Das Tal war an dieser Stelle sehr eng und vermutlich floss das Wasser unter uns beträchtlich schnell. Teilweise war das Eis so dünn, dass wir steile Felswände entlang klettern mussten. Wir hatten gerade eine halsbrecherische Klettertour hinter uns, als es geschah... Jogi ging etwa 10 Meter vor mir, rutschte aus und mit seinem Hintern brachte er das Eis zum bersten. Die Risse breiteten sich wie ein Spinnennetz um ihn aus. Jogi drohte langsam zwischen zwei auseinanderdriftenden Eisschollen im Fluss zu versinken. Zum Glück war einer der Porter in seiner Nähe. Er stürmte über die zerberstenden Eisschollen und zerrte ihn in letzter Sekunde aus dem immer größer werdenden Eisloch. Unweit von mir entfernt befand sich der Guide. Er rief mir zu, ich solle so schnell laufen wie ich kann. Das Eis begann auch hier zu brechen. Ich lief so schnell ich konnte über das berstende Eis, sprang von noch nicht ganz abgebrochener Eisscholle zu Eisscholle. Nach etwa 15 Meter hatte ich wieder festes Eis unter den Füßen. In dieser Extremsituation arbeitete mein Gehirn auf Hochtouren. Es gab nichts - außer dieser Situation. Manchmal schien es unmöglich weiter zu kommen. Es war harte Arbeit und es gab nur wenige Momente um auszuruhen. Es war bereits dunkel als wir das neben dem Fluss liegende Dorf Nirak erreichten. Bald fanden wir ein Dach über dem Kopf. Wir waren alle total erledigt. Zu siebent befanden wir uns in dem kleinen Raum mit einem Blechofen in der Mitte. In der Nähe des Ofens breitete ich meinen Schlafsack aus und schlief sofort erschöpft ein. Irgendwann wurde ich von einer Detonation und einer Druckwelle aus dem Schlaf gerissen. Alles war voll Rauch. Als sich der Rauch etwas gelegt hatte, sah ich den jüngsten der Porter geschockt und mit verrußtem Gesicht neben dem Ofen stehen. Ich wusste gleich was geschehen war. Das Feuer war ausgegangen und er wollte es mit ein wenig Kerosin neu entfachen. Bei einem kalten Ofen eine ausgezeichnet Idee, doch dieser Ofen war noch warm. Das Kerosin verdampfet und bildete ein explosives Gasgemisch, das Streichholz tat den Rest... Zum Glück wurde bei dieser Aktion niemand ernsthaft verletzt.

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-4

Tag 4: Durch den starken Rauch im Raum und die langanhaltende Diskusion, die auf Grund der der Explosion stattfand, hatte ich extrem schlecht geschlafen. In wenigen Stunden würden wir den Chadar verlassen, um in das Dorf Lingshed zu gelangen. Unsere Schutzengel waren bis dahin wieder im Dauereinsatz. Endlich hatten wir festen Boden unter den Füssen. Auf dem beschwerlichen Weg nach Lingshed durchquerten wir eine Eishöhle. Wir passierten schmale, vereiste Pfade, die nicht selten an steilen Abhängen vorbeiführten. Gegen Abend kamen wir in Lingshed an. Mein rechter Fuß schmerzte höllisch. Entweder hatte sich meine Achillessehne entzündet oder die Schmerzen kamen vom Schuh, der sich durch das unfreiwillige Vollbad und die Kälte verzogen hatte. Über einem Yakstall bezogen wir ein kleines Zimmer. Sogleich machte ich es mir mit einem Buch über den Dalei Lama auf einer der am Boden liegenden Matratzen gemütlich. Als ich müde wurde legte ich das Buch neben mich auf den Boden. Einer der Porter sah das, nahm das Buch und stellte es ins Regal zurück, aus dem ich es genommen hatte. Beim ersten Mal dachte ich mir nichts dabei, doch als sich die Szene etwas später wiederholte begriff ich, dass das Bild des Dalai Lama nicht auf dem Boden liegen darf.

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-5

Tag 5: Das Dorf Lingshed liegt auf ca. 4000 m Seehöhe und ist in den Monaten November bis März nur über den Chadar (Zanskar-Fluss) erreichbar. Den Rest des Jahres erreicht man die Region (insgesamt ca. 1000 Einwohner) nur durch einen mehrtägigen Fußmarsch über hohe Bergpässe. Die Landschaft ist gebirgig und unwegsam. Es gibt nur wenig Vegetation, auch wenig Brennholz und das bei Temperaturen bis zu -35 Grad. Es herrscht Trockenheit. Lingshed ist ein Streudorf und besteht aus circa 85 weit auseinander liegenden Höfen. Die Familien leben als Selbstversorger von Land- und Viehwirtschaft. Durch den Einfluss der Außenwelt, Trekking-Touristen, Kinobesuche und Fernsehübertragungen, wenn sie ihre Einkäufe und Tauschhandlungen in der Hauptstadt Leh erledigen, gerät das Wertesystem in Wanken. Die Leute denken, dass die Menschen in der Stadt viel mehr Geld und weniger Arbeit haben und so verlassen viele junge Leute die Dörfer um in der Stadt ein besseres Leben zu haben. Ohne Ausbildung haben sie jedoch kaum eine Chance. Am Vormittag brachen wir zu dem inmitten bizarrer Berge liegenden Kloster von Lingshed auf. Es wurde vor ca. 500 Jahren erbaut. Derzeit leben hier etwa 60 Mönche und 20 Novizen. Das Leben im buddhistischen Kloster wird bestimmt durch regelmäßig wiederkehrende, oft langatmige und umfangreiche Lesungen, Gebete und Gesänge. Vom Dorf aus war das Kloster zu sehen und es schien, als wäre es in der Nähe, aber der Eindruck täuschte. Der Fußmarsch dauerte lange. Mein Fuß schmerzte höllisch, sodass ich kaum Lust hatte, mich auf das Kloster zu konzentrieren. Jogandir verbrachte Stunden damit, das Kloster und die Mönche zu fotografieren. Wieder im Tal zog ich mich bald ins Quartier zurück um meinen Fuß zu schonen.

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-6

Tag 6: Nun war es wieder an der Zeit den Rückweg anzutreten. Wir brachen zeitig in der Früh auf und erreichten am Nachmittag ohne nennenswerte Vorkommnisse Nirak, wo wir unser Zelt aufbauten. Heute hatten wir viel Zeit übrig. Wir unterhielten uns über Religion, Wirtschaft, Politik und das Leben im Allgemeinen. Jogandirs Lebensphilosophie lautete: Je mehr man im Einklang mit der Natur lebt, desto glücklicher wird man, da man somit auch in Harmonie mit sich selbst lebt. „In a fucking country like India“, so meint er, ist es leider ein Muss, sich einer Religion unterzuordnen, da dies das Leben außerordentlich erleichtern kann. Sikh sein, hat in Indien diverse Vorteile, da sie landesweit hoch geachtet werden, was einen historischen Hintergrund hat. Als vor einigen hundert Jahren die Moslems (Mogule) in Indien einfielen, versuchen sie Indien mit Gewalt zu islamisieren. Es war der zehnte und letzte der Sikh Gurus, der befahl zu den Waffen zu greifen. Die Moslems konnten tatsächlich aus Indien vertrieben werden.

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-7

Tag 7: Dies war die kälteste Nacht des gesamten Tracks. Starke Fallwinde rüttelten heftig an den Zeltwänden und ließen die Temperatur im Inneren des Zeltes rapide fallen. Unser Guide meinte, dass von minus 30 Grad nicht viel fehlen würde. Gegen Mitternacht wurde ich von der Kälte geweckt. Das Atmen fiel mir schwer und mein Gesicht schmerzte. Ich vergrub mich noch tiefer in meinen Schlafsack. Jogis System, welches aus drei Schlafsäcken bestand, hatte diese Nacht versagt. Er hat so gefroren, dass er keinen Augenblick schlafen konnte. Wir brachen um 9 Uhr zur vorletzten Etappe unseres Rückweges auf. Während der Wanderungen fanden wir immer wieder Spuren eines Schneeleoparden. Ab diesem Zeitpunkt entsorgte ich meine Essenreste nicht mehr irgendwo in der Nähe des Zeltes, sondern vernichtete sie im Lagerfeuer. Nicht das ich Angst gehabt hätte, aber man muss es ja nicht herausfordern....

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-8

Tag 8: Es war mehr als sehr kalt und wir waren alle erschöpft, was sich wiederum in exzessiven Schlafstörungen manifestierte. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen war: Nur noch diese eine einzige kalte Nacht durchhalten.

Der Chadar Trek im winterlichen Himalaja. Tag-9

Tag 9: Der letzte Tag war angebrochen. Wir liefen nur mehr auf Reserve. An Guru Nanaks Tempel hielten wir an und bedankten uns für unsere heile Rückkehr. Es war die härteste und gefährlichste Tour, die ich bis jetzt gemacht habe. Trotzdem ich bin froh, dass ich sie gewagt und geschafft habe. Diesen Treck werde ich nie vergessen! Man kann sich gar nicht vorstellen wie sehr ich die „hot bucket shower“ im eisigen Badezimmer nach der Rückkehr in Leh genoss. Ich war von einem derartigen Hochgefühl berauscht, welches nur derjenige kennt, der Ähnliches überstanden hat.

Site Notice
united travellers

Travel-Blog from Andreas

more...
Loading...